Becca Brigg, Kripo Ravensburg - Band 4
von Karina Abrolatis
Die Morgenstunden kündigten mit einem kühlen Lüftchen die Vorboten des Herbstes an. Der Fischer mit dem wettergegerbten Gesicht wischte die Hände an seinem Strickpullover trocken, den er unter der dunkelgrünen Anglerlatzhose trug. Feuchtigkeit kroch ihm die Haut entlang, direkt in die betagten Glieder.
Mit Anbruch des Tages würden – wie so oft zu dieser Jahreszeit – Nebelschwaden über der Wasseroberfläche des Bodensees wabern. Gespenstisch und bezaubernd zugleich.
Der Fischer würde dem zum Trotz, wie tausendmal zuvor, hinausschippern auf den heimatlichen See. Er kannte es nicht anders.
Der alte Kauz griff, wie gewohnt, über den Rand des nicht weniger betagten Holzkahns hinweg nach dem darin liegenden Netz. Routiniert glitten seine schwieligen Finger im Schein der Smartphone-Taschenlampe durch das Knotengeflecht, um es vor dem Ablegen auf schadhafte Stellen zu überprüfen.
Es war kurz vor sechs Uhr in der Früh. Die Sichel des abnehmenden Halbmondes hing wie das künstliche Grinsen eines Smileys am Nachthimmel. Die Finsternis zeigte ihre ersten Schwächen.
In einer halben Stunde würde sich, mit der unerschütterlichen Zuverlässigkeit des Universums, im Osten die Sonne emporschieben. Ihr gleißendes Licht würde über der hügeligen Moränenlandschaft am östlichen Bodenseeufer erstrahlen und sich ganz allmählich bis hinauf an die Hochgebirgsspitzen der Alpen ausbreiten.
Ein Lied stieg dem Fischer in der Dunkelheit in den Sinn. Er begann, das allseits bekannte Volkslied »Die Fischerin vom Bodensee« zu summen. Letztlich ließ er das nun fertig überprüfte Fangnetz ins Ruderboot gleiten. Er war bereit, hinauszufahren.
Harald Barsch, der, seit er denken konnte, von allen nur Harry genannt wurde, hatte am gestrigen Abend seine Netze ausgelegt. Jetzt galt es, den Fang einzuholen, sofern es denn überhaupt etwas einzuholen gab.
Anschließend sollte er eines der empfindlichen Monofilnetze durch ein brandneues ersetzen. Und wenn er schon da draußen auf dem Wasser war, könnte er, nur so zum Vergnügen, mal wieder die Angel auswerfen. Mit ein wenig Glück bissen die Hechte heute gut.
Wenn der Tag anbrach, herrschte auf dem See eine anrührende Atmosphäre. Kein Stand-up-Paddler, kein Motorenlärm, keine Segelboote störten das Idyll. Selbst so mancher Wasservogel träumte weiterhin, sicher im Schilf versteckt, von üppigen Fischgründen.
Kurzum: Man wähnte sich am Bodenseeufer zu dieser Stunde mutterseelenallein mit der Natur – ein Umstand, der jede Faser von Harrys Seele mit Glück erfüllte.
Frust machte sich lediglich breit, wenn er an den zu erwartenden, mickrigen Fang im Netz dachte.
Harry war heilfroh, keinen eigenen Nachwuchs gezeugt zu haben. Die Familientradition der Fischerei bei den Barschs würde mit ihm aussterben, so viel war klar. Deutschlands größtes Binnengewässer, geologisch ein Voralpensee, war über Jahrzehnte durch landwirtschaftliche Düngemittel mit Phosphaten und Nitraten angereichert worden. Das Resultat waren üppige Fischgründe und dichte Algenteppiche.
Doch dann, mit steigendem gesellschaftlichem Umweltbewusstsein, ging eine stetig wachsende Reinheit des Bodensees einher, deren nährstoffarme Wasserqualität den Fischbeständen gründlich zusetzte.
Umweltschutzmaßnahmen, der unersättliche Hunger der Menschen nach frischem Fisch, der Klimawandel sowie tierische Konkurrenz wie beispielsweise der ungeliebte Kormoran ließen die Ausbeute der Fischerzunft mit der Zeit immer mickriger werden.
Es lohnte kaum noch, die Netze auszuwerfen. Eines Tages würde es keinerlei Berufsfischer mehr am See geben, lautete Harrys pessimistisches Resümee, welches faktisch nicht gänzlich unrealistisch war.
Im Glauben, weiterhin am Ufer allein zu sein, summte der ergraute Petrijünger vergnügt das Volkslied der Bodenseefischerin – erst leise, dann immer lauter. Sein knittrig-faltiges Gesicht runzelte sich aufgekratzt und seine volltönende Stimme gipfelte letztlich in einem tiefen Bassgesang.
Er knipste die Smartphone-Taschenlampe aus, schob das ächzende Boot ins düstere Wasser und sprang hinein. Beinahe knarrten dabei seine eigenen Glieder wie die verwitterten Holzbohlen des Kahns. Das Seewasser umspülte sanft rauschend die Klänge seiner Singstimme, als hätte er diese Atmosphäre wie eine Art Hintergrundmusik zu seinem Rudertrip dazu gebucht.
Schließlich nahm Harry auf der schmalen Bank Platz und umschloss das raue, kühle Holz der Ruder mit den Händen.
Neben ihm ertönte Geraschel aus dem stockfinsteren Schilfgürtel. Vielleicht war es ein Wasservogel, der sich gestört fühlte, oder der Biber, der unweit davon einen Bau sein Eigen nannte.
»Ein weißer Schwan ziehet den Kahn, mit der schönen Fischerin auf dem blauen See dahin«, sang Harry inbrünstig. Die Ruderblätter tauchten rhythmisch zum Brummgesang ins pechschwarz schimmernde Wasser ein. Durch den Schub des Bootes bildeten sich bewegte, muntere Bugwellen. Er ruderte kräftig, seine Rückenmuskulatur spannte sich.
Vergessen war das Reißen in seinen Gliedern, das die Feuchtigkeit am Seeufer mit sich gebracht hatte.
Hier war er zu Hause, hier gehörte er hin.
Eine warme Woge der Vorfreude auf das Häfler Weinfest am Schloss Friedrichshafen, das traditionsgemäß in wenigen Wochen stattfand, breitete sich in ihm aus. Er ließ seine Gedanken dorthin wandern. Die Fischerzunft hatte sich einen lang gezogenen Tisch reservieren lassen.
Es feierte sich erstklassig unter dem blaublütigen Gastgeber, dem Herzog von Württemberg, und mit absoluter Sicherheit würden sie zu vorgerückter Stunde in einem stimmgewaltigen Chor »Die Fischerin vom Bodensee« anstimmen. Traditionell weinselig, die Bäuche gefüllt mit heimischem Wildbret.
»Und fährt sie auf den See hinaus, dann legt sie ihre Netze aus …«, brummte Harry Barsch mit Inbrunst. Die freie Wasserfläche des Sees lag wie ein samtschwarzes Vlies vor ihm. Er war mittlerweile fast bei seinen ausgelegten Fangnetzen vom Vorabend angelangt, als ein erster Strahl der Sonne zögerlich am Horizont aufglomm.
Er holte die Ruderblätter ein, saß reglos da, sang weiter und genoss den Anblick. Dies war seiner Meinung nach der zauberhafteste Moment am ganzen Tag. Es hatte etwas Hoheitsvolles an sich, wie das Licht jeden Morgen aufs Neue den Tag erhellte, um sich majestätisch über den kompletten See zu verteilen.
»Da kommt ein alter Hecht daher, wohl übers große Schwabenmeer …« Die Seeoberfläche hüllte sich zögerlich in einen blassroten Schimmer. Die einzelnen Nebelfetzen, die dicht über dem Wasser hingen, präsentierten sich als mystisches Zauberwerk. Die Nacht starb im Zeitlupentempo, wand sich in ihrem alltäglichen Todeskampf, nur um abends, wie Phönix aus der Asche aufzuerstehen, wenn das Dunkel über das Licht erneut die Oberhand gewann.
Das Ruderboot mit Harry darin dümpelte indes auf dem See vor sich hin. Die Sonnenstrahlen des neugeborenen Tags breiteten sich intensiver auf der Wasseroberfläche aus.
Rötlich glimmte das sanft bewegte Wasser. Es hätte einer Kitschpostkarte entsprungen sein können – oder auch dem Cover eines Romans.
Die Farbintensität nahm zu, aber verlor ihre harmlose Wirkung: Die nächsten Zeilen des Gassenhauers der Bodenseefischerin blieben Harry urplötzlich im Hals stecken – er brach mitten im Singen ab und brachte keinen weiteren Ton heraus.
Der Fischer starrte mit sperrangelweit offenstehendem Mund auf die Seeoberfläche und spürte förmlich, wie seine zahlreichen Knitterfalten im Gesicht vor Fassungslosigkeit dramatisch zunahmen.
Wie der Zeuge einer esoterischen Wahnvorstellung saß er da und fühlte sich tatsächlich gar nicht weit vom Irrsinn entfernt. Denn was er zunächst für eine Folge des gleißenden Sonnenaufgangs gehalten hatte, war in Wirklichkeit eine Rotfärbung, deren unnatürliche Intensität nichts, aber auch rein gar nichts mit der Natur, so wie er sie kannte, zu tun hatte.
Und mit jeder weiteren wettergegerbten Falte, die sich in seiner geschockten Miene runzelte, bemühte sich sein Verstand, die Eindrücke, die ihn umgaben, zu verarbeiten. Trotzdem fand er, je heller es von Sekunde zu Sekunde um ihn herum wurde, keine logische Erklärung.
Er konnte es nicht länger vor sich selbst leugnen: Sein Boot trieb in einem an der Wasseroberfläche schlierenhaft gefärbten Meer, dessen intensive Farbe unnatürlich leuchtete.
Soweit er schauen konnte, war der Bodensee rubinrot.
Blutrot, korrigierten seine Gehirnzellen flüsternd, als hätten sie ihren Spaß daran, ihm zusätzliche Angst zu bereiten.
Harry wünschte inständig, dass seine Augen ihm einen Streich spielten. Einige Sekunden lang vergaß er sogar zu atmen, so sehr setzte ihm der Schreck zu. Hatte er gestern Abend etwa zu viel Rum in seinen Tee gekippt? Ja, bestimmt hatte er dem Alkohol zu üppig gefrönt, und das rächte sich nun.
Ansonsten fand er keine plausible Erklärung für diese bizarre Erscheinung des roten Sees.
Vielleicht, so dachte Harry weiter, würde diese gruselige Fata Morgana verschwinden, wenn er sie berührte. Denn dass es sich hier nur um ein Trugbild handelte, stand außer Frage. Der See konnte sich schlichtweg nicht über Nacht in ein tiefrotes Gewässer verwandelt haben.
Das war unmöglich.
Doch Harrys Augen, die verzweifelt über den Überlinger See Richtung Radolfzell und das Ufer vor dem Bodanrück bis hin zur Insel Mainau nach einem Hoffnungsstrahl der Normalität abtasteten, behaupteten hartnäckig Gegenteiliges. Der hintere Obersee ließ sich zwar von seinem Boot aus nicht beurteilen; auf jeden Fall sah es mindestens bis Meersburg nicht bedeutend besser aus.
Zögernd beugte der Fischer sich über den Rand des Kahns, der sich gefährlich seitwärts neigte. Ängstlich streckte er den Zeigefinger in die blutrote Brühe, als ob dieser Feuer fangen könne. Nichts dergleichen geschah.
Doch auch das vermeintliche Trugbild vom gefärbten See verschwand, so wie er es sich erhofft hatte, durch die Berührung nicht. Das Wasser blieb weiterhin, soweit sein Auge reichte, rot.
Harry roch an den Tropfen, die sich auf der Haut seiner Hand hinabschlängelten. Nein, Blut war es keines, durchzuckte ihn der unlogische Gedanke.
Natürlich nicht! Um einen kompletten See mit Blut einzufärben, würde es Millionen Liter davon brauchen.
Kurz überlegte er, seinen Finger in den Mund zu stecken. Aber er brachte es letztlich nicht fertig, den Geschmack dieser ominösen Brühe zu testen. Womöglich war das Wasser vergiftet?
Stattdessen wischte er eilig die Feuchtigkeit an seiner Anglerhose ab. Sicher war sicher.
Die ganze Szenerie war zum Fürchten, fand er. Wie eine göttliche apokalyptische Botschaft präsentierte sich das einstmals altvertraute Gewässer. Um den Horror perfekt zu machen, fehlten eigentlich nur noch Schwärme von kieloben schwimmenden Fischleichen.
Harry war Atheist, und doch schauderte ihn ob dieser optischen Ungeheuerlichkeit, deren gigantisches Ausmaß sein Gehirn nach wie vor nicht logisch verarbeitete. Spontan sendete er ein stummes Stoßgebet gen Himmel. Denn alles, was er über seinen Heimatsee wusste, war binnen Sekunden infrage gestellt worden.
Unter Schock stehend zog Harry Barsch zeitlupenartig sein Smartphone heraus und tat das einzig Sinnvolle: Er wählte die 110.
»Notrufzentrale Polizei. Wie kann ich Ihnen helfen?« Der Beamte sprach mit routinierter Stimme, ein Fels in der Brandung für entgleiste Gefühle.
Harry starrte argwöhnisch über den Rand seines Kahns auf das schlierenbildende Seewasser, als könnte dieses jederzeit zum Leben erwachen und ihn verschlingen. Durch die Strömung bewegten sich die rötlichen Muster wie eigenständige Wasserwesen.
Noch bevor er sich zusammenriss, um zu antworten, dämmerte ihm, wie verrückt sich das, was er zu sagen hatte, für seinen Gesprächspartner anhören musste.
»Der See ist rot …«, begann er zögerlich.
»Okay. Der See ist also rot.« Die Tonlage des Polizisten klang unverändert ernsthaft. »Von wo aus rufen Sie uns denn an, Herr …?«
»Barsch. Wie der Fisch. Harald Barsch«, presste Harry zwischen den Zähnen mühsam hervor. Seine Stimme, so kam es ihm zumindest vor, hallte unnatürlich laut über die menschenleere Wasseroberfläche.
»Und Sie stehen momentan vor einem roten See, habe ich das korrekt verstanden?« Allmählich drängelte sich ein Hauch Ironie in die Stimme des Beamten.
»Ja.« Harry schluckte. Irre – das war total irre. »Also nein. Oder doch.« Herrgott, wie schaffte er es nur, dass man ihn nicht missverstand? Er konnte ja selbst kaum glauben, was er da sah. »Hören Sie, ich weiß, wie sich das anhört. Bitte, ich sage die Wahrheit. Der See ist rot. Gestern Abend, als ich draußen war, war hier alles normal. Ich bin Fischer und sitze in meinem Boot.«
»So, so.« Ein kaum hörbares Seufzen drang über die Lippen des Polizisten. »Von welchem roten See reden wir hier eigentlich? Wo sind Sie denn momentan, Herr Barsch?«
»Ich bin in meinem Ruderboot auf dem Überlinger See, Höhe Nußdorf.«
»Ah ja. Der Bodensee ist demnach rot.« Ein künstliches Räuspern erklang. »Nun gut, Herr Barsch, wir unterhalten uns noch ein Weilchen am Telefon, und ich schicke derweil die Kollegen der Wasserschutzpolizei los. Die werden sich dann mit Ihnen zusammen das rote Wasser anschauen. Was halten Sie davon?«
Der Beamte in der Einsatzzentrale drehte sich breit grinsend zu einem Kollegen um und hielt dabei die Hand wie einen Schutzschirm auf das Mikro. Er hatte schon Schlimmeres im Dienst gehört als das. Deutlich Schlimmeres.
Es war allerdings ein Jammer, dass seine heutige weitgehend ereignislose Nachtschicht mit einem Übergeschnappten endete. »Schickt mal bitte die WaPo raus. Höhe Nußdorf spinnt einer der Fischer in seinem Ruderboot. Der Gipskopp halluziniert, wenn du mich fragst. Vielleicht hat er was eingeschmissen.«
Eine Ausnüchterungszelle oder im ärgsten Fall die Psychiatrie und die Sache wäre erledigt. Der Polizist hoffte für die Kollegen der Wasserschutz, dass der Typ in dem Kahn nicht aggressiv werden würde. Bei solchen Verrückten wusste man ja nie, woran man war.
Der Beamte löste seine Finger vom Mikro und meinte im geduldigen Plauderton, als hätte er es mit einem unvernünftigen Kind zu tun: »Herr Barsch, erzählen Sie mir doch bitte ein wenig von sich. Wie geht es Ihnen momentan.«
»Ich weiß nicht«, stotterte Harry. »Ich steh wohl etwas neben mir.«
Das Grinsen des Beamten dehnte sich weiter aus.
»Ja, das glaube ich ebenfalls, Herr Barsch.«
Zeitgleich nahm der Polizist zu seiner eigenen Verblüffung wahr, dass die komplette Leitstelle aus ihrem frühmorgendlichen Tiefschlaf erwacht war. Binnen Sekunden mutierte diese zu einem geschäftigen Bienenschwarm. Sämtliche Apparate schienen gleichzeitig zu klingeln oder mit Gesprächen belegt zu sein. Und urplötzlich überflutete ein geräuschvolles Stimmengewirr wie einst in Babel die Einsatzzentrale.
Die Hand erneut am Mikro drehte sich der Beamte irritiert zu den Kameraden herum. »Was ist denn los?«
Die Antwort hatte es in sich.
»Die Kollegen der WaPo melden einen großflächigen Notfall. Ein beträchtlicher Teil des Bodensees ist rot eingefärbt. Einfach so. Über Nacht. Von was auch immer. Die Drähte laufen heiß. Vom ganzen Überlinger See bekommen wir Meldungen besorgter Bürger herein.«
Es dauerte einige Sekunden, bevor der Beamte die Bedeutung der Worte begriff und endlich, dem Ernst der Lage angemessen, in den Hörer sprach. »Herr Barsch, sind Sie noch dran? Bitte bleiben Sie, wo Sie sind. Die Wasserschutzpolizei ist unterwegs zu Ihnen. Ihre Aussage wurde soeben von mehreren Stellen bestätigt.«
Lesen Sie die Fortsetzung des Romans in Band 4 der 5-Sinne-Bodensee-Krimis „Geschmackloser Tod“
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Erstveröffentlichung April 2026
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